So viel sei vorweg gesagt: Das Programm, das AFS angeboten hatte, war laaaaangweilig.
Bei meiner Ankuendigung dieses Themas lag ich teilweise falsch: Beim „Phoenix Weekend“, so der offizielle Name, wurden alle Austauschschueler neuen Familien zugeordnet, die entweder darueber nachdenken, einen Austauschschueler naechstes Jahr aufzunehmen oder einfach nur mit AFS in Kontakt bleiben wollen, weil sie diese „wundervollen Teenager“ da treffen.
Als wir uns alle um 8 Uhr auf einem Kirchenparkplatz einfanden, wusste allerdings noch keiner, welcher Familie er zugeordnet worden war.
Unser Tagesprogramm bestand aus einem Besuch im Gericht und beim Buergermeister von Phoenix und einer Fuehrung im „Moderne Kunst-Museum“ von Phoenix.
Im Gericht wohnten wir einem Prozess bei. Das Interessante war da vielleicht noch die rosa Unterwaesche und der orginalgetreue schwarz-weiss gestreifte Gefaengnisoverall, das Uninteressante die endlose Frageprozedur. Der Angeklagte wollte sich fuer schuldig bekennen fuer ein milderes Urteil und das dauert…
Der Buergermeister war nicht da. Er war in Washington, um mit dem Praesi zu palavern. Wichtig, wichtig! So haben wir mit der Stellvertreterin und dem „Town Manager“ gesprochen. Er ist sozusagen der Personalchef und Bauplanungsstratege der Stadt. Das ganze war ausgenommen uninteressant. Wusstet ihr, dass Phoenix zusammen mit einer neuseelaendischen Stadt zur bestgefuehrtesten Stadt der Welt gewaehlt wurde? Nein? – Ich auch nicht und es hat mich auch nicht wirklich interessiert, wieso das Abwassersystem so genial ist und wie schnell der Grossraum Phoenix waechst.
Lustig fand ich allerdings, dass in der Empfangshalle des Rathauses ein Starbucks aufgemacht hatte. Da kuemmert sich wer um seine Mitarbeiter!
Das Museum fuer Moderne Kunst, zu dem wir als naechstes gingen, waere wahrscheinlich toll gewesen, wenn ich nicht ziemliche Kopfschmerzen gehabt haette. In der Eingangshalle war ein huebsches Glas-Licht-Kunstwerk und auch sonst war die Fuehrung sicherlich nicht schlecht. Es gab einen Raum, der komplett dunkel und mit Spiegeln verkleidet war. Im Raum hingen an Schnueren bunte LEDs. So muss ein Astronaut sich im Weltall fuehlen, wenn die Unendlichkeit voller Sternenlichter sich um ihn in alle Richtungen ausdehnt.
Am Abend traf ich dann meine Gastfamilie, die „Starks“: Mom Liz, Dad Jay und meinen beiden Schwestern Delaney(15) und Catline(17). Sie hatten schon vorher ein Maedchen aus Brasilien aufgenommen gehabt und planten nun eventuell einen Jungen aufzunehmen und wollten mal gucken, ob denn so einer in ihre Familie passen wuerde.
Naja, also ich wuerde mich als Junge darum reissen, so huebsche Gastschwestern zu haben!
Allerdings verbrachte ich leider die naechsten 36 Stunden erst einmal krank im Bett. Ich wusste, dass ich in New Yorks Kaelte mir was eingefangen hatte, aber da ich es ein wenig verschelppt hatte, schlug es am Freitag dann voll zu. Allerdings Gott sei Dank nur fuer einen Tag, sodass ich am Samstag wieder beim AFS-Bergpicknick mitmachen konnte und von allen anderen erfahren habe, wie langweilig der Freitag doch gewesen waere mit einem Besuch beim State Governor.
Ueberraschenderweise traf ich an unserem Grillplatz einen meiner Freunde von Chaparral, Geoff, der ueberlegt naechstes Jahr Gastbruder zu werden.
Am Abend habe ich mit meinen beiden Gastschwestern einen Film geguckt. Es war extrem lustig, da beide den Film anscheinend auswendig kannten und sich vor Lachen kringelten bevor der Witz gemacht wurde.
Ich habe bei der Gelegenheit ueberigens auch einen zweiten Namen bekommen. Gestatten, David Ray Scheer! Delaney Starks war naemlich total davon entsetzt, dass ich gegen allen (amerikanischen) Traditionen keinen Middle Name habe, und da unsere Initialen sich doch so schoen gleichen, hatte sie die Idee mich Ray zu nennen nach der maennlichen Form ihres zweiten Namens „Rae“ (gesprochen wie Ray, nur anders geschrieben). Jetzt fuehle ich mich endlich als voller Mensch.
Bis weit nach Mitternacht sind wir aufgeblieben und haben uns gegenseitig … aehm, ja wirklich … Gute-Nacht-Geschichten erzaehlt und weitersponnen, natuerlich ohne ueberhaupt einen Plan zu haben, wohin die Geschichte gehen sollte, und so wurden sie ab und zu extrem verworren, dann sehr sexualisiert, dann blutig und vor schwarzem Humor triefend und der Prinz wollte es einfach nicht schaffen, die Prinzessin zu retten.
Am Sonntag schliefen wir alle bis kurz vor 12, sodass wir in aller Eile zum „Uebergabepunkt“ geeilt sind, wo ich dann wieder in die Obhut von Nancy und David uebergeben wurde.
Hallo David,
wie geht´s dir?
Deine Mutter hate mir gesagt,das ich auch eine „wundervollen Teenager“ von AFS bin.
Letztes Wochenende war ich im Camp von AFS in Hagen und war auch sehr laaaangweilig. Wir hatten so viel Freizeit und gar nichts gemacht! Aber war viele freundeliche Leute!
Dieses Wochenende fahren wir zusammen nach Köln,und feiern mit Freunde von deinen Eltern Karneval. Die Tochter ist so alt wie ich.
Viel spaß und kisses.
Isabela.
Moin David,
hatte dich ja schon auf der vermissten Liste, genauso wie Linda. Aber euch beiden scheint es ja prächtig zu gehen. Apropo „vermissten Liste“: Linda hat nicht nur ihr Blog um ein paar Einträge erweitert, nein sie hat sich auch noch per E-Mail an mich gewandt und mir Ihr Projekt vorgestellt.
Vielleicht hast du, oder deine Schule ja Lust das Projekt mit zu unterstüzen, deswegen hier mal der Link:
http://www.freunde-in-cambugan.de/
Unter dem Punkt „Projekte“ gibt´s kleine wie grosse Projekte die Linda noch umsetzen möchte bevor sie wieder nach Deutschland kommt. Also schaut mal rein.
Gruss
Andreas
P.S: du hast uns noch Bilder von deinem New York Ausflug versprochen
Hallo, David R.,
(hört sich doch gleich viel bedeutender an, oder?!) kann es sein, dass Du inzwischen ganz schön verwöhnt (worden) bist? Doch es ist Dir von Herzen gegönnt – der „Ernst“ des Lebens kommt noch früh genug!
Nach Deinen Schilderungen habe ich den Eindruck, der Besuch beim Bürgermeister bzw. dessen Vertreter/in hätte mir mehr zugesagt als Dir; ich hätte wahrscheinlich auch jede Menge Fragen stellen können – das bringt mein Job so mit sich. Sei’s drum, Du hattest Gelegenheit, mal reinzuschnuppern, wie der Alltag anderswo aussehen kann …
Ich hoffe, Du hast Deinen Grippeanflug inzwischen überwunden und bist wieder voll einsatzfähig. Auf zu neuen „Abenteuern“!
Dir und Deiner Gastfamilie liebe Grüße aus dem schmuddelig-verregneten Rheinland (die armen „Jecken“!)
Ursula